Aus dem Französischen von Christian Bertram und Francois Pescatore

Uta Prelle als Medea,
Foto: Chr. Bertram

Mit: Holger Kepich, Jürgen König, Friedhelm Ptok, Fritz Eggert, Nina Herting, Uta Prelle, Erika Eller, Charlotte Ullrich, Markus Weiß

Regie | Christian Bertram
Bühne | Olga von Wahl
Kostüme | Franziska Wilcken
Licht | Jean-Marie Engler
Musik | Reinhard Hoffmann

Deutsche Erstaufführung am 22. Mai 1992
in der KulturBrauerei Berlin.
Weitere Aufführungen im Kunsthaus Tacheles
und im Schlosstheater Sanssouci.

 

 

      
       Aufführungskritik:

Im Reich der Zwecke - das Herz
„Medea“ von Corneille im Schlosstheater Potsdam

Dem Aug‘ in Stil und Intention recht fremd, in der Wirkung überraschend, so könnte man das Kraftfeld einer ungewöhnlichen Inszenierung umschreiben, die am Dienstag im Schlosstheater zu sehen war. Es handelt sich um Pierre Corneilles 1635 entstandene "Medea"-Tragödie in deutscher Erstaufführung, ein Gastspiel des Mahagonny e.V., Zeitgenössische Theater- und Filmarbeit Berlin und der Christian-Bertram-Film- und Theaterproduktion.

Corneille, Begründer der klassischen französischen Tragödie, erzählt nur das bittere Ende der mythischen Geschichte um die kolchische Königstochter Medea; nicht wie sie dem Argonautenführer Jason zum Goldenen Vlies verhalf und wie die Flucht verlief, nicht wie sie Jasons wortbrüchigen Oheim bestrafte, der Autor schildert den Moment, wo der Held seine Gattin im gemeinsamen Exil verstoßen will, um König Kreons Tochter Creüse zu heiraten, denn Kreon bietet Schutz vor den kolchischen Rächern. Medea ist der Preis, ihre Verbannung längst beschlossene Sache. Fremd unter den Griechen, kämpft sie um Jason, um ihre Kinder, doch als gar nichts hilft, wenden sich Wille, Intelligenz und ihre Zauberkraft gegen den undankbaren Gatten, schickt sie Creüse und Kreon den Tod, tötet auch die eigenen Kinder. Dann entflieht sie, ihrem Gatten einen Leichenhaufen hinterlassend, im Gefährt des Sonnengottes Helios.

Wir sind im Herzen der Aufklärung, im Zentrum der Vernunft, wo Pflicht und Neigung immer streiten. Beides ist in beiden: siegen in Medea Zorn und Rache, so in Jason die Vernunft, jedoch ist Medeas Entschluss, den Gatten zu bestrafen, vernünftig, und Jasons Vernunft entspringt der Leidenschaft. Christian Bertrams stilisierte, tiefgekühlte Inszenierung ist in mancher Beziehung bemerkenswert, stellt sie doch neben zeitnahen Fragen - Vernunft als Lebenshaltung heute, Dankbarkeit für längst Vergangenes, Opferpreis für einen Frieden - auch unseren Theaterbegriff zur Diskussion. Nicht nur die theatralische Aktion, das Spiel der Spieler setzt er in Szene, sondern das gehobene Wort inmitten einer unwirklichen, zeitlupenhaften, gespenstischen Stille, in der Figuren wandeln oder harren - es ist der Stil der dramatischen Deklamation. Bertrams Konzeption ist raffiniert, er lässt die Geschichte Medeas weniger auf die Bühne als er sorgt, dass sie im Kopf des Zuschauers entsteht. Das geht wohl auf. Die Figuren haben kaum Körperkontakte, alles ist fremd und erstarrt, verlangsamt die Gänge. Wie demonstrativ stellen sich die Spieler zueinander, um zu sprechen - en face, en profil -, die Herren in gegenwärtigen Kostümen, die Damen klassisch-lang. Ohne Zweifel, Leidenschaften leben in den Figuren, in der stolzen Medea (Uta Prelle), im ergrauten Jason (Friedhelm Ptok), in den anderen, doch man sieht sie nicht. Innen heiß und außen kalt, so verhalten sich Figuren, die sich in der Gewalt haben, Vernünftige ... Wie heißt es bei Kant: Die Vernunft ist das Reich der Zwecke. Nur Medea entäußert ihr Gefühl, verheerend sind die Folgen. Bedroht das abgeklärte Friedensreich, ein Leichenberg als Folge. Sie lässt einen vernünftigen Jason hinter sich, der ganz cool überlegt, ob es zweckmäßig sei, sich nun den Tod zu geben. Wir erfahren‘s nicht, denn jetzt fällt der Vorhang. Der Theatergast konnte im Gefühl nach Hause gehen, im Barocktheater einen „echten “Corneille" im Stil der Zeit erlebt zu haben. Gar nicht schlecht.
Gerold Paul, Märkische Allgemeine Zeitung, 25. Juni 1992